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In unser aller Auftrag    

Marc Rothemunds Film

»Sophie Scholl«

ist eindrucksvoll, obwohl er vieles auslässt

                                                          

 

Von Thomas Assheuer

aus: DIE ZEIT  09/2005

 

Lange haben die Schauspieler eines deutschen Films den Zuschauer nicht mehr so berührt und aufgewühlt wie die Akteure in Marc Rothemunds Sophie Scholl – die letzten Tage. Sein Film ist von durchscheinender Klarheit und feierlicher Bescheidenheit im Gebrauch dramaturgischer Mittel. Rothemund, der für sein Werk auf der Berlinale den Regiepreis erhielt, verneigt sich vor seinen Figuren und sucht vertrauensvoll ihre Nähe.

 

Damit aber beginnen die Schwierigkeiten. Sophie Scholl ist in Julia Jentsch so unabweisbar gegenwärtig, als käme sie aus der heutigen Zeit und als sei sie eine von uns. Bruchlos geht die Heldin in der Schauspielerin auf, und schon bald trägt die eine den Namen der anderen. Fast scheint es, als sei Julia Jentsch, die in Berlin mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, unsere Abgesandte. In stummer Mission geht sie über eine unsichtbare Brücke zurück in die Vergangenheit, um dort unter dem Namen Sophie Scholl ein Opfer zu bringen, das uns Nachgeborenen verwehrt ist. Sie selbst übersteht ihren Auftrag nicht. Es bleibt ihre Tat, in der Wahrheit und Wahrhaftigkeit zur Einheit verschmelzen. Diese Tat legt der Film dem Publikum zu Füßen, ganz so, als müsse unsere Sehnsucht nach reinem moralischen Handeln gestillt und die Frage beantwortet werden, wie wir selbst gehandelt hätten.

 

Man nimmt diesem Film nichts von seiner Eindringlichkeit, wenn man feststellt, dass sein Versuch, Sophie Scholl zu unserer Zeitgenossin zu machen, die historische Wahrheit nur streift. Denn in Wirklichkeit ist uns diese junge Frau nicht nah, sondern fern und fremd. Erst recht das verschlungene Universum ihres religiösen Empfindens bleibt unserem Weltbild unverständlich. Rothemund scheint dies zu spüren und vertraut deshalb ganz auf nachholende Einfühlung und die Macht der Empathie. Darin ist sein Film anrührend und groß. Aber je mehr identifikatorische Energien er in die Vergangenheit lenkt, je mehr die Heldin zu unserer Halbschwester wird, desto mehr entfernt er sich von der Ideenwelt, die auch den anderen Mitgliedern der Weißen Rose die Kraft zum Handeln verlieh.

 

Waren die Widerstandskämpfer unpolitische Schwärmer?

Man irrt, wenn man glaubt, die Widerstandskämpfer seien bloß heroische Moralisten gewesen, die romantische Briefe schrieben und sich, wie Rothemund sagt, »von ihrem natürlichen Gerechtigkeitssinn leiten ließen«. Tatsächlich waren Christoph Probst, Alexander Schmorell, Kurt Huber, Willi Graf und Hans Scholl akademisch gebildete Intellektuelle, die entweder von Anfang an zum Widerstand gegen Hitler entschlossen waren oder kurze Zeit später, nachdem sie zunächst noch, wie die Geschwister Scholl, bei den NS-Jugendorganisationen recht eifrig mitgemacht hatten.

 

Häufig ist der Weißen Rose vorgeworfen worden, sie sei zutiefst unpolitisch gewesen, eine Gruppe christlicher Schwärmer und bloße »Frucht des deutschen Idealismus«, wie der stern 1968 schrieb. »Ihre Toten sind Märtyrer einer integren Gesinnung, aber nicht Gefallene im politischen Kampf.«

 

Es mag sein, dass die frühen Huldigungen von Romano Guardini und Ricarda Huch ihren Teil zu dem Urteil beigetragen haben. Aber was war »politisch« in einer Zeit, als die kommunistische, linke und demokratische Opposition entweder ermordet oder deportiert war? Als die Kirchen verstummt oder gar selbst begeistert dabei waren? Was war politisch, als Millionen, ob Arbeiter oder Bürger, taumelnd an den Endsieg glaubten?

 

Um das eminent Politische an den Flugblattaktionen der Weißen Rose zu verstehen, muss man sich ihren alles entscheidenden Grundgedanken vor Augen halten: die Überzeugung, der Widerstand gegen das NS-System müsse in den Köpfen des Bürgertums und auf dem Schauplatz seiner Ideale beginnen. Das war auch der Grund, warum die Weiße Rose ihre Flugblätter anfangs nicht an die breite Bevölkerung richtete, sondern an Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer. Sie, die gebildeten Eliten und nicht so sehr die »Masse des deutschen Volkes«, hatten 1933 versagt. Nationalistisch verblendet und stets das Lob des christlichen Abendlands auf den Lippen, hatten sie der Weimarer Republik die Luft zum Atmen genommen und der politischen Religion des Adolf Hitler zum Durchbruch verholfen.

 

Deutschlands kulturelle Elite, wie es in einem der Flugblätter hieß, duldete nicht nur den »preußischen Militarismus« und seinen »imperialistischen Machtgedanken«. Sie duldete auch die Verfolgung der Juden und die Vernichtungspolitik an der Ostfront – all die »furchtbarsten Verbrechen«, die einige Mitglieder der Weißen Rose während ihrer Sanitätseinsätze mit eigenen Augen gesehen hatten und von denen sie schrieben, ihnen ließe sich »kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen«.

 

Aber was folgte daraus? Wenn der schweigende Teil des Bürgertums seine heiligsten Ideale an den Nationalsozialismus verraten hatte; wenn Wahrheit und Gewissen, Sittlichkeit und Freiheit nicht mehr zählten, dann gab es nur einen Weg: Die konservativen Eliten und Mitläufer mussten dazu gebracht werden, der Barbarei Einhalt zu gebieten. Sie sollten in den Spiegel schauen und endlich erkennen, dass sie ihr Christentum moralisch entkernt und der heidnischen NS-»Religion« geopfert hatten. Der »Aufstand gegen die Diktatur des Bösen«, so war in einem Flugblatt zu lesen, sei für das deutsche Kulturvolk eine »sittliche Pflicht«. Jeder müsse sich »als Mitglied der christlichen abendländischen Kultur« seiner Verantwortung bewusst werden und kämpfen – gegen die »Geißel der Menschen, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates«.

 

Nichts bringt die Nazis so in Rage wie die Berufung auf das Gewissen

Dass sich die Weiße Rose immer wieder auf das christliche Abendland berief, war also kein bloßer rhetorischer Schachzug oder ein trübes Beispiel unpolitischer Gesinnung. Es war eine Form politischer Theologie, und zwar eine lebensgefährliche. Die deutschen Christenmenschen sollten das heidnische Wesen des Nationalsozialismus erkennen. Mit einem Wort: Der ethische Gott des Alten und des Neuen Testaments stand gegen die nationalsozialistischen Götter von Rasse und Volk.

 

Auch Sophie Scholl startet den Angriff auf die faschistische Weltanschauung unter Berufung auf ihr christliches Gewissen. Nichts bringt die Nazis in Rothemunds Film so sehr in Rage und nichts befeuert die Tiraden des Volksgerichtshofspräsidenten Roland Freisler mehr als ihr Appell an das Gewissen. »Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die ›Weiße Rose‹ lässt Euch keine Ruhe!« Nur das böse Gewissen, so sah es die Weiße Rose, lässt uns das Dämonische der nationalsozialistischen Heilsversprechen erkennen. In Hitlers heidnischer Hölle stehen alle christlichen Werte auf dem Kopf. Der Führer ist der Antichrist, das Böse unter der Maske des Guten. »Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhafter Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den Satan.«

 

Gewiss war Sophie Scholl keine dezidierte Intellektuelle, jedenfalls nicht in dem Maß wie die anderen Mitglieder der Weißen Rose, die noch immer in ihrem Schatten stehen. Doch wer ihr religiöses, durch Pascal- und Augustinus-Lektüren sowie vom katholischen »Hochlandkreis« beeinflusstes Weltbild ausblendet oder wer sie gar zu einer seelenverwandten Zeitgenossin erklärt, der verleiht ihrem Widerstand gegen die »Herrschaft der brutalen Gewalt« etwas Privates und Zufälliges.

 

In Wirklichkeit handelte Sophie als christliche Universalistin. Sie missbilligte jede Form von Gewalt und stellte die biblische Wahrheit höher als die machtvergötzende »Wahrheit« germanischer Götter. Gott sei für alle Menschen »herabgestiegen« und nicht nur für die Starken. Einmal streitet sie sich in ihren Briefen mit ihrem Freund Fritz Hartnagel über dessen Militärdienst. Als Soldat müsse er unterschiedlichen Herren und unterschiedlichen »Wahrheiten« dienen. Doch als Christin lehne sie dies ab – kein Mensch und keine irdische Macht dürften sich an die Stelle des Absoluten setzen.

 

Nach der Hinrichtung schmähten Kommilitonen die »Verräter«

Auch wenn es bei einer Andeutung bleibt, so ist es dem Drehbuchautor Fred Breinersdorfer nicht entgangen, dass am Tag von Sophie Scholls Verhaftung christlicher Widerstand und barbarische NS-»Religion« in einer abgründigen und schier unausdeutbaren Koinzidenz aufeinander stoßen. Am Vormittag des 18. Februar 1943 verteilen die Geschwister Scholl in München ihre Flugblätter, nachmittags hetzt Goebbels im Berliner Sportpalast das Volk in den »totalen Krieg«. Sophie Scholls Peiniger kriechen in den Volksempfänger und verfolgen Goebbels’ geifernde Rede. Der Propagandaminister verkörpert genau jene Perversion »abendländischer Werte«, gegen die sich die Weiße Rose erhoben hatte. Aus einer erzkatholischen rheinischen Familie stammend, kennt Goebbels die christlichen Pathosformeln im Schlaf und fälscht sie um. Er macht aus Christus das Bild des von Juden geknechteten, seiner Auferstehung harrenden Deutschen. Er verwandelt Hitler in den kommenden »Erlöser« und den Russlandfeldzug in das »Strafgericht des Herrn«.

 

Am Schluss bleiben die beklemmenden Fragen und ungelösten Rätsel. Warum wurden die Geschwister leichtsinnig? Warum ignorierten sie die lautstark geäußerten Bedenken und die Ängste ihrer Mitstreiter und setzten deren Leben aufs Spiel? Und warum wirft Sophie Scholl die restlichen Flugblätter mit der Geste triumphierenden Hochgefühls von der Brüstung in den Lichthof?

 

Hans Scholl mag nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad geglaubt haben, der Krieg sei bald zu Ende und die alliierte Invasion stehe vor der Tür. Vielleicht wollte er ein »Fanal« setzen und in der Münchner Studentenschaft eine revolutionäre Stimmung erzeugen. Vielleicht hatte er Mut geschöpft, weil vier Wochen zuvor bei einer Feierstunde zum 470-jährigen Bestehen der Universität offener Aufruhr entstanden war, als Gauleiter Giesler die Studentinnen aufforderte, dem »Führer« jährlich ein Kind zu schenken. Vielleicht auch fürchtete Hans Scholl, die Gestapo habe ihn längst ins Visier genommen und das Netz immer enger gezogen.

 

Anders als Rothemunds Film Glauben macht, war auch seine Schwester Sophie nicht nur eine selbstgewisse Biologie- und Philosophiestudentin, die mit taghellem Verstand und unerschütterlichem Gottvertrauen durchs Leben ging. Die Tagebuch-Eintragungen aus ihren letzten Lebensmonaten sind von uferloser Traurigkeit und haben etwas zutiefst Verzweifeltes. Sie sind von Todesahnungen und Todeswünschen durchzogen, und ihre Fantasie vom kommenden Selbstopfer für Gott berührt sich mit der mystischen Entrückung einer Simone Weil.

 

»Heute soll der Funke in die Universität getragen werden«, sagt Hans Scholl in Rothemunds Film. Aber der Funken zündete nicht. Fünf Tage nach der Ermordung von Christoph Probst und den Geschwistern Scholl wurden an der Münchner Universität die Reihen wieder fest geschlossen. In einer »Sonderveranstaltung« demonstrierte der Lehrkörper seine unbedingte Treue zu »Staat und Führer«. Hunderte von Studenten nahmen teil, »empört« über die »Verräter« von der Weißen Rose. Donnernder, fast tumultartiger Applaus brandet auf, als der Pedell Jakob Schmidt das Auditorium maximum betritt. Er hatte die Geschwister Scholl denunziert und damit große »Schande von der Universität« abgewendet. Hausmeister Schmidt breitet die Arme aus und badet im Meer der akademischen Ovation.

 

Fünf Monate später, am 13. Juli 1943, wurden Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber, die beiden anderen Mitglieder der Münchner Weißen Rose, in Stadelheim enthauptet. Im Herbst des Jahres starb nach einer quälenden Zeit des Wartens Willi Graf unter dem Fallbeil. Professor Hubers Ehefrau Clara erhielt eine Rechnung über 3000 Reichsmark für die Hinrichtungskosten und die »Abnutzung des Apparats«.

 

Nach dem Krieg dauerte es lange, bis die Öffentlichkeit die Mitglieder der Weißen Rose nicht mehr als Landesverräter verachtete, sondern als Widerstandskämpfer ehrte. Einer der Richter, der zusammen mit Roland Freisler die Weiße Rose aufs Schafott gebracht hatte, durfte bis weit in die sechziger Jahre unbehelligt seines Amtes walten, »im Namen des Volkes«. Ein paar linke Studenten, die in den sechziger Jahren bei einer Gedenkfeier an der Münchner Universität gegen diese »bürgerliche Heuchelei« ihre Stimme erhoben, wurden der Ruhestörung bezichtigt.