Das Meer in mir

(Mar adentro)                                        

Spanien/Italien, 2004

Spielfilm, 121 Min.

FSK: ab 12

 

Startet das Herunterladen der DateiArbeitshilfen für den Unterricht (PDF-Download)

 

Kurzinhalt

 

Das Meer in mir behandelt den authentischen Fall des galizischen Seemanns Ramón Sampedro (1943–1998), der als Querschnittgelähmter jahrelang vor Gericht die aktive Sterbehilfe zu erstreiten suchte. 

 

Der Film des spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar schildert am Beispiel des Protagonisten und der Figuren aus seinem unmittelbaren sozialen Umfeld und derer, denen er im Prozessverlauf begegnet, die unterschiedlichen Positionen und Emotionen, die der Wunsch nach Sterbehilfe auslöste.

 

Als Beitrag zu einer Debatte, die in vielen Ländern geführt wird, ist der künstlerisch herausragende Film eine Basis für differenzierte Auseinandersetzungen.

 

  

Einsatzmöglichkeiten / Didaktische Hinweise

 

Die Debatte um die aktive Sterbehilfe ist ein gesellschaftlich brisantes Thema. In vielen europäischen Ländern wird nach gesetzlichen Regelungen gesucht. Aktuelle Fälle wie jener der amerikanischen Komapatientin Terry Schiavo haben im Frühjahr 2005 die Medien wochenlang beherrscht.

 

Das Meer in mir ist ein Beitrag des Kinos zu dieser aktuellen Debatte. Der Film eignet sich in besonderer Weise als Gegenstand der Diskussion, weil er einen konkreten Fall anschaulich und die Konflikte nachvollziehbar macht, die sich für den Behinderten und sein Umfeld ergeben. So verdeutlicht er in exemplarischer Weise Grundhaltungen, die zur Frage der Sterbehilfe zu diskutieren sind.

Der Film ist trotz der sicherlich in vieler Hinsicht belastenden Thematik nicht düster und bleischwer, sondern zeigt sogar Züge des Komödienhaften.

 

Er eignet sich für den Religionsunterricht ab Klasse 9 / 10 für die Bearbeitung folgender Themen: Tod, Behinderung, Sterbehilfe, Sinn des Lebens, Unverfügbarkeit des Lebens, Menschenwürde, Freiheit, Selbstbestimmung. - Er ist ebenso für außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung geeignet und kann begleitend zu einer Veranstaltung über Themen wie Sterbehilfe, Menschenwürde, Leben mit Behinderung eingesetzt werden.

 

Der Film spricht den Zuschauer sehr stark emotional an, so dass es einer gewissen Anstrengung bedarf, sich aus dieser vereinnahmenden Umklammerung zu lösen und die Fragen auch distanzierter zu sehen. Das Meer in mir bietet dafür durchaus Ansatzpunkte, die man aber gezielt herausarbeiten muss.

 

Obwohl der Film sein Thema so anlegt, dass viele Facetten angesprochen werden, deckt er die Problematik jedoch nicht völlig ab. So spielt in aktuellen Diskussionen die Frage der Ermittlung des Patientenwillens (z. B. im Fall Terry Schiavo) eine große Rolle oder die Frage der Unerträglichkeit des Leidens.

 

Im geschilderten Fall des Ramón Sampedro gibt es jedoch keinerlei Zweifel an der Willensbekundung, und es gibt keinerlei Hinweise auf unerträgliche Schmerzen oder einen bevorstehenden Tod, so dass viele Aspekte, die in der aktuellen Diskussion vorkommen, im Film nicht behandelt werden. Wenn man die Problematik der Sterbehilfe umfassender aufarbeiten will, wird man Zusatzmaterial hinzuziehen müssen. Man wird auch durch den Hinweis auf andere Fälle (z. B. den des Physikers Stephen Hawking bzw. jenen des Schauspielers Christopher Reeve) weitere Möglichkeiten des Umgangs mit extremen Behinderungen deutlich machen können.

Filmkritik

Es ist morgen. Ramón (Javier Bardem) wacht auf und verlässt sein Bett. Er schiebt es auf die Seite, weg vom Fenster, nimmt Anlauf und springt. Ramón fliegt. Er fliegt über die kleine Farm seines Bruders und die galizischen Flüsse. Er fliegt. Auf und ab, über Täler und Hügel, hinaus aufs Meer. Sein geliebtes Meer. Doch dann wacht Ramón auf. Alles ist nur ein Traum. Er liegt im Bett. Unfähig sich zu bewegen. Seit einem Unfall vor 27 Jahren ist er querschnittsgelähmt. Und seitdem hat er nur einen einzigen Wunsch: Sterben! Einfach nur in Frieden sterben und nicht zu einem Leben gezwungen werden, das ihm nicht lebenswert erscheint. Doch dafür benötigt er Hilfe. Hilfe, die ihm niemand gewähren möchte, die ihm per Gesetz niemand gewähren darf… 
 

Der gebürtige Chilene Alejandro Amenábar ist, obwohl gerade erst 32 Jahre alt, die ganz große Nummer im spanischen Kino. Zu verdanken hat er dies dem seltenen Talent, dass er ein ebenso fähiger Regisseur wie Autor ist. Sein herausragendes Werk in den 90er Jahren war ganz ohne Zweifel „Abre los ojos“ („Open Your Eyes“). Auf diesen Film wurde auch Hollywood aufmerksam und es folgte das Remake „Vanilla Sky“ von Cameron Crowe mit Tom Cruise und seiner damaligen Lebensgefährtin Penélope Cruz in den Hauptrollen. Bei den Dreharbeiten lernte Cruise Amenábar, der oft als Berater vor Ort am Set war, kennen und vor allem schätzen. Also zückte er eben schnell seinen üppig gefüllten Geldbeutel und fungierte als Produzent bei „The Others“. Amenábars erster englischsprachiger Film mit Nicole Kidman in der Hauptrolle entwickelte sich zu einem vollen Erfolg und spielte weltweit über 200 Millionen Dollar ein. Doch danach wurde es drei Jahre lang ruhig um Amenábar. 
 

„Das Meer in mir“ nahm erstmals konkrete Form an, als Amenábar das 1996 veröffentlichte autobiographische Werk „Cartas desde el infierno“ („Briefe aus der Hölle“) in die Hände fiel und er dadurch auf die wahre Geschichte des Ramón Sampedro aufmerksam wurde. Als Amenábar den Produzenten Fernando Bovaira mit seinem Vorhaben konfrontierte, einen Film über Ramón Sampedro drehen zu wollen, kippte dieser erst einmal aus seinen Latschen. Das Thema geplanter Suizid ist reiner Zündstoff und hätte dem gesamten Team auch mit Anlauf in die Fresse fliegen können. Doch je mehr sich Amenábar und Bovaira mit Ramón Sampedro und seinem Leben beschäftigten, desto sicherer waren sie sich, dass diese Geschichte – so brisant und heikel sie auch ist – einfach erzählt werden muss. 
 

Der wohl größte Stolperstein bei „Das Meer in mir“ wäre gewesen, wenn sich eine generelle Botschaft wie „mit einer Querschnittslähmung ist das Leben nicht mehr lebenswert“ hinein interpretieren ließe. Vom Autor Amenábar war also jede Menge Fingerspitzengefühl gefragt, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, von diversen Interessensverbänden gesteinigt zu werden. Ein gefährlicher Drahtseilakt. Einerseits dem Publikum begreifbar machen, warum ein Mann unbedingt sterben möchte, andererseits aber auch jedwedes pauschale Urteil vermeiden. Durch einige Tricks gelingt Amenábar diese Gratwanderung auf Messers Schneide. Ganz offensichtlich wird dieses Bemühen, wenn er Ramón immer wieder feststellen lässt, dass er es verstehe, wenn sich andere an seiner Stelle anders verhalten würden, die Menschen seine eigene, ganz persönliche Entscheidung aber respektieren sollen. Es gibt aber auch subtilere Szenen. Dazu zählt beispielsweise Ramóns „Konfrontation“ mit dem katholischen Geistlichen Pater Francisco (José Pou), zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch haben beide in ihren Ansichten irgendwo recht…  

Auch wenn „Das Meer in mir“ ein im Grunde biographischer Film ist, beschränkt sich Amenábar nicht auf eine stoische Nacherzählung der Geschehnisse. Um dem Leben von Ramón Sampedro in lediglich 125 Leinwandminuten gerecht zu werden, waren aus dramaturgischen Gründen einige Kompromisse notwendig. Die juristischen Auseinandersetzungen werden nur am Rand angeschnitten. Diese im Detail aufzurollen, wäre für den Zuschauer ermüdend gewesen. Mit der Chronologie der Ereignisse nimmt es Amenábar ebenfalls nicht all zu genau. Der Film beschränkt sich im Grunde auf das letzte Jahr im Leben von Ramón Sampedro. Alles, was davor geschah, wird in Rückblenden und Erzählungen abgehandelt. Und auch bei den Figuren gab es hier und da leichte Variationen. Den Charakter der Julia (gespielt von einer starken Belén Rueda) hat es in dieser Form nie gegeben. In ihr werden vielmehr diverse real existierende Freunde Ramóns vereint. 
 

Dass der Film letzten Endes so funktioniert, wie er es nun mal tut, ist jedoch einzig und allein der Verdienst eines Mannes: Hauptdarsteller Javier Bardem („Perdita Durango“, „Before Night Falls“, „Der Obrist und die Tänzerin“). Was er in „Das Meer in mir“ leistet, stellt all die singenden, weintrinkenden Lufteroberer dieser Tage in den Schatten. Es mag zunächst befremdlich wirken, einen attraktiven Schauspieler in den Dreißigern für die Rolle eine querschnittsgelähmten 50-Jährigen zu besetzen, doch dieses kalkulierte Risiko ging voll auf. Was Bardem hier leistet, ist schlicht eine Offenbarung. Nahezu einen ganzen Film über in einem Bett liegen. Sich nicht bewegen dürfen. Keine Körpersprache, keine Gesten. Die Gefühle nur mit Hilfe der Mimik zum Publikum transportieren. Das stellt selbst die besten Darsteller vor eine große Hürde. Bardem ist die Seele des Films. Mit ihm steht und fällt das ganze Gebilde. Würde er seinen Ramón nicht gleichermaßen herzensgut wie gebrochen darstellen, wäre „Das Meer in mir“ wohl allenfalls die Hälfe wert. Dass er mit dieser Glanzleistung lediglich bei den europäischen Filmpreisen beachtet wird, ist eine Schande sondergleichen… 
 

Um es auf den Punkt zu bringen: „Das Meer in mir“ ist kein einfacher Film. Im Gegenteil. Spätestens wenn das qualvolle, schonungslose Ende gekommen ist, stellt sich der Zuschauer diverse Fragen und rutscht dabei immer tiefer in den Sessel. Fragen der unangenehmen Sorte. Fragen, die sich nicht in Kategorien wie richtig und falsch beantworten lassen. Dadurch ist „Das Meer in mir“ aber auch kein Film für Jedermann. Wer sich im Kino gerne unterhalten lassen möchte, ist hier definitiv falsch. Zwar darf auch bei „Das Meer in mir“ durchaus gelacht werden – insbesondere in den Szenen zwischen Ramón und seinem Neffen Javi (Tamar Novas) – doch im Grunde ist der Film eine Geschichte über Menschen, die vom Leben in eine außergewöhnliche Situation gebracht wurden. Poetisch und tragisch. Ein Film über Liebe, Leben und den Tod.

 

Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ein Kuss entflammt das Leben
mit einem Blitz und einem Donner,
und sich verwandelnd
ist mein Körper nicht mehr Körper,
als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
des Universums.

Die kindlichste Umarmung
und der reinste aller Küsse,
bis wir beide nicht mehr sind
als nur noch eine große Sehnsucht.

Dein Blick und mein Blick
wortlos hin und her geworfen,
wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
bis weit jenseits allen Seins,
aus Fleisch und Blut und Knochen.

Doch immer wach ich auf
und immer wär ich lieber tot,
um endlos mich mit meinem Mund
in deinem Haaren zu verfangen.

Ramon Sampedro

 

Quelle: www.filmstarts.de


Ramón Sampedro (Biografie)
1943 - 1998

Als der fünfundzwanzig Jahre alte, aus Galizien stammende Schiffsmechaniker Ramón Sampedro am 23. August 1968 von einer Klippe ins Meer sprang, schlug er in dem flachen Wasser mit dem Kopf am Grund auf und verlor das Bewusstsein. Er wurde zwar gerettet, aber die Ärzte konnten eine Querschnittlähmung nicht verhindern: Vom Hals abwärts konnte Ramón Sampedro sich nicht mehr bewegen.

Jahrelang kämpfte Ramón Sampedro vor spanischen Gerichten vergeblich darum, aus dem Leben scheiden zu dürfen – wozu er aufgrund seiner Lähmung die (Sterbe-)Hilfe eines anderen Menschen benötigte.

Unter dem Titel "Cartas desde el infierno" ("Briefe aus der Hölle") veröffentlichte Ramón Sampedro 1996 ein Buch mit teils von ihm diktierten, teils mit dem Mund geschriebenen Texten. Damit machte er die Öffentlichkeit auf seinen Fall aufmerksam und plädierte für das Recht zu sterben.

Weder sein Bruder noch seine Schwägerin oder sein Neffe wollten Ramón Sampedro beim Sterben helfen. Aber eine der Frauen, die sich mit dem Querschnittgelähmten angefreundet hatten, war dazu bereit:  die Fabrikarbeiterin Ramona Maneiro, die ihn 1996 kennen gelernt hatte. Sie mietete für den inzwischen Vierundfünfzigjährigen eine Wohnung in Boiro und führte am 12. Januar 1998 seine detaillierten Anweisungen aus, löste Zyankali in einem Glas Wasser auf und half ihm, es mit einem Strohhalm auszutrinken. Zuerst sprach sie noch mit ihm, aber seinen zwanzig Minuten lang dauernden Todeskampf konnte sie nicht mit ansehen. Da flüchtete sie ins Bad. Ramón Sampedro starb fast dreißig Jahre nach seinem Unfall qualvoll und allein.

 

Eine Videokamera auf einem Stativ neben dem Bett zeichnete Ramón Sampedros Sterben auf. Als der private Fernsehsender "Antena 3" diesen Film – auf dem von Ramona Maneiro nur eine Hand zu sehen war – ausstrahlte, kam es in Spanien zu einer breiten Diskussion über die gesetzlich verbotene Sterbehilfe.

Ramona Maneiro wurde wegen Sterbehilfe angeklagt, weil sich aber ein Dutzend Freunde und Bekannte Ramón Sampedros selbst der Tat bezichtigten, kapitulierte das Gericht schließlich und stellte das Verfahren 1999 ein.

Erst nach dem Ablauf der Verjährungsfrist, am 12. Januar 2005 – dem 7. Jahrestag von Ramón Sampedros Tod – gab Ramona Maneiro öffentlich zu, dem Freund Sterbehilfe geleistet zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt lief Alejandro Amenábars Film "Mar adventro" ("Das Meer in mir") über Ramón Sampedro bereits in den spanischen Kinos.