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Eiszeit    DVD 45 min   2004       Signatur: 4654726

Im Dezember 2003 beschließt die Regierung das Reformpaket "Agenda 2010". In der medialen Öffentlichkeit sind die Reformen Konsens. Sie stellen den größten Einschnitt in den Sozialstaat seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland dar. Fünf Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen am sozialen Rand der Gesellschaft befinden, werden begleitet. Kommentarlos, direkt, erfühlt der Zuschauer die Stimmung einer Gesellschaft im Wandel. Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen, aber auch die Wut der Protagonisten werden spürbar. Die Bilder erzählen von der abstrakten Logik des Systems, seiner vermeintlichen Sachzwänge und dessen Auswirkungen auf den einzelnen Menschen. Die Stärke der Bilder, gepaart mit der Kraft der Protagonisten zeigen fesselnd die Auswirkungen eines politischen Wertewandels.

 

Filmbewertungsjury Wiesbaden 2006:

Abseits der etablierten Medien produziert, ist dies ein Stück Gegenöffentlichkeit in bester Tradition. Sehr informiert und eloquent bringen die Protagonisten nahe, was es heute heißt, am unteren Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Anschaulich und anrührend beobachtet der Film vier Schicksale über ein halbes Jahr: ein blindes Ehepaar, eine arbeitslose Schauspielerin, einen an Muskelschwund leidenden Mann. Sie alle verharren nicht in Passivität oder Larmoyanz, sie haben uns etwas zu sagen.
 
Gutachten der Filmbewertungsjury Wiesbaden 2006

Ein sarkastischer Prolog: eine Kundgebung des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Die gut betuchten Herren applaudieren zum Beispiel den Sätzen:" Die Stimmung in Deutschland müssen wir ändern...Ein Ruck muss durch das Land gehen." "Eiszeit" dokumentiert dann diesen sogenannten "Ruck", den gößten Einschnitt in den deutschen Sozialstaat, einen politisch-sozialen Wertewandel par excellence: Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, "oben"und "unten".
Der Film begleitet vier Menschen ein halbes Jahr, die an den neu entstandenen Rändern der Gesellschaft leben: ein blindes Ehepaar, eine arbeitslose Schauspielerin, einen an Muskelschwund leidenden Mann.
"Wir haben bewusst Menschen gesucht", so die Autoren, "die nicht in die typische Opferrolle passen...Wir zeigen, dass man den Stand einer Gesellschaft daran messen kann, wie sie mit eben diesen Menschen umgeht."
Die Protagonisten artikulieren klar ihre Ängste und Zwänge, aber sie wehren sich auch, verharren nicht in Passivität oder gar Larmoyanz. Der Film dokumentiert ihre Befindlichkeit ohne Kommentar, nüchtern pointiert: "Wir fühlen uns wie auf einer Rutschbahn."

"Eiszeit" stellt sich bewusst in die Tradition eines linken Agitprop-Kinos- mit bemerkenswerter Genauigkeit und Emotionalität.


Weitere Kritiken zu "Eiszeit"

"Wie auf einer Rutschbahn ohne Grenzen.[...] Einfühlsam und engagiert vermitteln die Filmemacher am konkreten Einzelschicksal das zunehmend rauhere Gesellschaftsklima in Deutschland[...]"
aus Rhein-Neckar-Zeitung, 2.Juni 2005


"Zu Beginn eine Boss-Demonstration des Bundes Deutscher Industrieller, zum Ende der Abspann mit einer unvollständigen Liste der Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich. Die Gegensätze könnten krasser nicht sein. Daniela Michel und Alexander Kleider porträtieren Menschen, die direkt vom Umbau der Sozialsysteme betroffen sind. Zum Beispiel Herr und Frau Schmidt. Die beiden Blinden kämpfen gegen die 20-prozentige Kürzung des Blindengeldes. Oder Frau Hinzer. Die Rentnerin fürchtet um ihre Seniorenausflüge nach Brandenburg. Und der schwer MS-kranke Matthias Vernaldi hat sogar Angst um sein Leben, sollte seine Rund-um-die-Uhr-Betreuung zusammengestrichen werden. Doch was wäre ein sozialer Dokumentarfilm ohne Perspektive? Die Vision liefert der bekannteste Politik-Professor Berlins, Peter Grottian. Ein fesselndes Stück Agitprop über die Agenda 2010. Prädikat: Sehenswert "
aus Kinotipps, TIP-Stadtmagazin Berlin. (Nr.13/04)


"Martina Block aus Marzahn sieht aus, als wäre sie einem Märchen entstiegen: wie ein älter gewordenes Schneewittchen mit erwartungsvollen Augen. Jahrelang glaubte die Schauspielerin, die ein Engagement an der Volksbühne hatte, alles erreicht zu haben, was sie wollte. Jetzt, mit 42, ist sie arbeitslos und findet im besten Falle ein Praktikum oder eine ehrenamtliche Beschäftigung. "So weggeschoben zu sein, keine Chance mehr zu haben, ist das Schlimmste", sagt sie. Matthias Vemaldi gehört seit seiner Geburt nicht richtig dazu. Er leidet an Muskelschwund und benötigt 24 Stunden am Tag Hilfe. Die Agenda 2010 und die sozialen Kürzungen in Berlin sind für den selbstbewussten Mann lebensbedrohlich. Schon jetzt fragt ihn das Sozialamt, ob er auch nachts Betreuung brauche."Eiszeit" nennen Daniela Michel und Alexander Kleider ihren Dokumentarfilm, der in Berlin spielt. Auffallend daran ist, dass sie sich zwar Personen am Rande der Gesellschaft ausgesucht haben, darunter aber niemanden, der im Elend lebt. Es ist besonders beunruhigend, arbeitlose oder ältere Menschen mit Zukunftsängsten in gepflegten Wohnungen sitzen zu sehen.Solche Bilder bestätigen aber nicht das "Jammern der Deutschen auf hohem Niveau", wie gern behauptet wird. Nein, nicht mehr gebraucht zu werden, bedeutet Einsamkeit und abweisende Häuserzeilen, die die Filmemacher als Kommentar einsetzen. Der Zuschauer kommt den Protagonisten sehr nah und denkt: Das kann und darf nicht wahr sein, dass eine Gesellschaft auf so viele ihrer qualifizierten Leute verzichtet und ihren Sozialstaat inzwischen fast mehr verteufelt als schätzt."
aus Berliner Morgenpost, 24.Juni 2004


"Der Dokumentarfilm "Eiszeit" konkretisiert die Agenda 2010. Die Blinden, die schwer Behinderten, die allein stehenden Arbeitslosen sind von den Einsparungen im Gesundheits- und Sozialwesen im Rahmen der "Agenda 2010" am härtesten betroffen. Matthias Vemaldi, 42 Jahre alt und seit Geburt an Muskelschwund leidend, kann nur den Mund bewegen und ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Wenn man ihm von den 24 Stunden zwei abzieht, könnten es genau die sein, in denen er auf die Toilette muss oder Atemnot bekommt. Irene Hinzer, Jahrgang 1920, lebt, wie andere Protagonisten des Dokfilms "Eiszeit" von Daniela Michel und Alexander Kleiber, in Marzahn. Die wöchentlichen Busreisen ins Berliner Umland sind ihr einziger Lichtblick. Etwas besser ist die Stimmung bei der 44-jährigen arbeitslosen Schauspielerin Martina Block, die vor 1989 an der Volksbühne engagiert war und nun jeden Job annehmen muss, und bei dem blinden Ehepaar Schmidt, das seit 20 Jahren eine glückliche Ehe führt. Bald wird das Blindengeld um 20 Prozent gekürzt.
Kommentarlos lässt der Film die Betroffenen erzählen: von den gesellschaftlichen Veränderungen in einer Stadt, die bald nicht mehr nur in Ost und West, sondern auch in Arm und Reich gespalten sein wird. Erstmalig rief der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) am 22. September 2003 zu einer Demonstration für mehr Eigenverantwortung und Wettbewerb auf. Damit beginnt der Film, und natürlich schält das Folgende den zynischen Anteil des Gemeinschaftssinns erfolgreicher Geschäftsleute heraus.[...]
Die beunruhigendere Botschaft erzählt der Subtext dieses Films: Nachdem der Sozialstaat die gemeinschaftlichen Bindungen in großem Stil aufgelöst hat, hat er sich im Tausch für die kostbare Hilfe der Vormundschaft über höchst Privates bemächtigt. Noch kann sich Matthias Vemaldi die Leute aussuchen, die bei ihm arbeiten. Aber die bevorstehenden Kürzungen der Sozialleistungen, das wissen auch die anderen, werden das persönliche Leben zutiefst verändern. Davor haben sie Angst. "Plötzlich sind die Schranken weg", sagt Anneliese Schmidt.[...]"
aus Berliner-Zeitung, 24.Juni 2004


"Mal ganz konkret: Der Dokumentarfilm "Eiszeit" zeigt Menschen, die unter den Folgen des Sozialabbaus leiden. Berlin ist pleite, der Bund hat auch nichts mehr, es wird gekürzt bei denen, die eh nicht viel haben, in der Hoffnung, es möge einen Wirtschaftsaufschwung geben, der dann irgendwie allen zugute kommt. Am Anfang des sozialkritischen Films "Eiszeit" von Alexander Kleider und Daniela Michel sieht man eine etwas absurd anmutende Demonstration für die "Reformierung des Sozialstaats", zu der der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) aufgerufen hatte, am Ende eine Demo gegen Sozialabbau, was bekanntlich das Gleiche ist.

Dazwischen gibt es sechs Porträts von Berliner Menschen, die von den Kürzungen betroffen sind: Rentner, Behinderte, Arbeitslose berichten von den Auswirkungen. Frau Hinzer aus der Gropiusstadt wird sich ihre wochenendlichen Ausflugsfahrten nicht mehr leisten können und hat Angst vor der völligen Vereinsamung, Martina Block, die arbeitslose Schauspielerin, kann es sich nicht mehr leisten ins Schwimmbad zu gehen. Der MS-kranke Matthias Vernaldi hat Angst, dass die Kürzungen der Behindertenhilfe dazu führen, dass Behinderte nur noch verwahrt werden und ihnen alle Freiheit genommen wird. Empörend ist es auch, dass ein Fünftel der Blindenhilfe gekürzt wird. Anders als die Studenten haben Behinderte kaum eine Lobby. Die Porträts sind gut gelungen. Die Protagonisten jammern nicht, sondern haben schlicht Angst.[...] "
aus TAZ, 23.Juni 2004


"Der Hauptfilm Eiszeit, den wir dank der freundlichen Kooperation der
Berliner Filmemacher Alexander Kleider und Daniela Michel in einer Vorpremiere zeigen konnten, machte im Anschluss ebenso sensibel wie politisch einen Alltag von Menschen in Berlin sichtbar, für die jedes verabschiedete Gesetz und jede als »Reform« verkaufte Kürzungsmassnahme eigenes Schicksal im Rahmen einer umfassenderen Biografie bedeutet. Sichtbar wurde in dieser von mindchange getragenen Produktion mit teilweise poetischer Aufmerksamkeit das konkrete Bild vom Leben einzelner Menschen im Schatten der Kürzungspolitik. Gezeigt wurde ein - vielen von uns bekannter - »politischer Alltag«, wie er in den Medien normalerweise zwischen Quizshows und Casting-Spektakeln bis zur Unkenntlichkeit verschwindet."
aus laborB* - Labor, media, movement. (26.4.04)